12.12.2019

Berlin, Februar 1991
Berlinale
11.12.2019

#9 / 2019
(nach Ohara Koson / Reiher / Acryl + Tinte auf Karton)
5.12.2019

#19 / 2019
(Acryl + Tinte auf Karton)
30.11.2019

#12 / 2019
(Acryl auf Karton)
29.11.2019

#18 / 2019
(Acryl auf Karton)
Gestern in Scorseses "The Irishman". Schnell ins Kino, bevor netflix ihn wieder wegnimmt. Die drolligen Alten – digital geliftet und damit in den Szenen ihrer "besten Jahre" lustig hässlich, weil beutelnasig, hüftsteif, gebotoxt – gönnen sich’s und uns noch mal. Robert DeNiro, Al Pacino, Joe Pesci (nicht im Bild). Ein Mafia-Film, der sich in seinen dreieinhalb Stunden seinem Höhepunkt asymptotisch zu nähern scheint, auf ihn zwar zusteuert aber dabei immer langsamer wird, unabhängig von Super-Slowmotions noch ein paar Extra-Schleifen fährt, weil er weiß, dass nach dem Schuss nicht mehr viel kommen kann außer der Ödnis der Gefangenschaft in der Geriatrie. Ein liebevolles

Augenblick, verweile doch...


liegt unter diesem Meisterwerk des reizenden Martin Scorsese.
24.11.2019



Augenblick, verweile doch ...


16.10.2019

Der dümmste Ton der Evolution

ist der Gesang der heimischen Stechmücke

13.10.2019
Georgien
Borjomi, September
12.10.2019
Georgien
–  Reise in ein aus
gewrungenes Land (9/9)

(...) Trotzdem: Fahr ruhig nach Georgien. Durch das ausgewrungene Georgien, diese Pracht von vorgestern mit ungewisser Zukunft. Wer kein Georgisch kann, braucht es nicht zu lernen. Das Russisch stirbt mit den Alten aus, die junge Generation spricht englisch. Das einzige Wort, das ich im Flugzeug gelernt habe, hieß "kargi". Das heißt: "In Ordnung." Allerdings habe ich das sonst nie gehört. Gehört habe ich dauernd "ara." Überall hörte ich "ara, ara", "nein, nein". Dauernd sagen Georgier "Nein". Japaner sagen nie "Nein", meinen es aber sehr oft. Vielleicht ist es bei Georgiern andersherum.
Tomte heute früh geboren
eines tages bald schon morgen
wirst du hilfloser mollusk
dich niederbeugen zu mir
dessen hände schütteln
wenn niemand sonst mehr
diese hände schüttelt hallo?
Tomte!
11.10.2019
11.10.2019
Georgien
–  Reise in ein aus
gewrungenes Land (8/9)

(...) Wer in Georgien normal lebt, zahlt etwa ein Drittel vom gewohnten Preis. Wer sparsam ist, zahlt deutlich weniger, denn Marschrutki, Gartengemüse, Wasser und Wein kosten so gut wie nichts. Auch nicht die typischen Teigwaren, die Fladen mit eingelegtem Ei oder Teigbeutel mit Hack. Wer Berliner Preise zahlt, lebt in Georgien wie ein Fürst. Berliner Preise zahlen wir in Tiflis in einem Restaurant. Das residiert in einer hohen alten Stadtvilla, in einem weiten Prachtsaal, umkleidet mit edlen Tapeten, möbliert mit schmucken Antiquitäten. Ein exquisiter Koch dirigiert die Küche, ein Pianist spielt stumm und ohne aufzuschauen Medleys am Flügel.

Bei so viel Dekadenz ist es gut, zwischendurch in die Wälder und auf die Berge zu gehen. Herrliche Panoramen auf herrliche Gebirgszüge! Herrliche House-Musik aus Zirp-Rhythmen auf herrlich weiten Wiesen. Grillen mit dicken roten Bäuchen fliegen hüpfend brummend einzwei Meter. Wir haben viel gesehen und gehört, auch die Nacht im Berg verbracht. Melanie wird es nicht wieder tun! So nicht! Diese Nacht auf der Hütte – nie wieder! Nie wieder bei 8 Grad auf hölzerner Pritsche in einem ausgeliehenen dünnen Schlafsack. Nie wieder in einer Hütte, in deren Vorraum nachts Mäuse den Müll zernagen (und wieder ausscheiden, so riecht es jedenfalls). Auf einem Berg, wo das einzige Wasser in eine Viehtränke tröpfelt. Auf einem Weg, der so schlecht markiert ist, dass wir auf Trampelpfade geraten, die so gut sind, dass sie mich vergessen lassen, dass die letzte Markierung verdächtig weit zurückliegt. So landen wir auf Weiden bei Hirten in Tarnanzügen. (...)

(Fortsetzung folgt)
10.10.2019
Georgien
–  Reise in ein aus
gewrungenes Land (7/9)

(...) Außerdem ist man meistens auf angenehmste Weise bewacht und vor dem Verlaufen bewahrt. Das besorgen georgische Hunde. Man kann sich kaum vorstellen, dass sie der gleichen Familie angehören wie die kläffenden Bestien aus Spanien mit ihren klaffenden Kiefern. Denn sie sind allesamt zutraulich. Liebe einzelne georgische Hunde haben sich uns immer wieder stundenweise angeschlossen. Durch die Natur zu einer Klosterruine auf einem Berg (ach, Batu, kleiner Strolch!), zu einem 40 Meter hohen Wasserfall (ein großer müder Hirtenhund) und zu einem Nationalpark in Borjomi (Melanie, Hundehasserin Melanie hat diesen Welpen liebgewonnen!), sogar quer durch Kutaissi. Nur nicht durch Tiflis. Was andernorts die Hunde sind, sind in Tiflis die Katzen. Auch sehr lieb und gar nicht räudig. Die Georgier scheinen freilaufende Tiere zu mögen. Man findet frisches Supermarkt-Tierfutter auf den Wegen.

Es geht den Tieren damit wahrscheinlich besser als vielen Alten. In einem waldigen Park kaufen wir einer alten Frau eine Papiertüte voller Haselnüsse ab. Für ein paar Cent. Sie sitzt sehr einsam an ihrem kleinen Nüssetisch. Niemand sonst weit und breit. Es wirkt, als habe sie den ganzen Tag nichts verkauft.
Und wie kommt man sich dann vor, wenn man an einem Abhang im Grünen liegt, den Kopf im Schoß der Liebsten, die Beine übereinander geschlagen, den Blick im reich schillernden Grün der Bäume verfangen, umspielt von gesummten sanften Chansons, alles so sorglos milde, so als Tourist im Land der armen Alten? Oder im fein gekachelten öffentlichen Bad von Tiflis, wo wir Zwei uns ein Separée mieten mit Masseurin und Masseur? Natürlich schuldig. Das ist der Preis, und natürlich zahlen wir ihn. (...)

(Fortsetzung folgt)
9.10.2019
Georgien
–  Reise in ein aus
gewrungenes Land (6/9)

(...) Das Höhlenkloster selbst: Ja, viele Löcher in einem Berghang mit viel Nichts drumherum. Sieht aus wie ein Bau vom Architekten der Hobbit-Trilogie. Lauter Höhlen in teigigem Lehm. Sind aber echt. Echt verbunden mit dem echten Patriarchen Davit Gareja, den es im 7. Jahrhundert in die Steppe zog, nachdem sein Ruf in Tiflis peinlich gelitten hatte (eine Frau ...). Echte Mönche singen Gebete, als wir das Kirchlein betreten. Echte Mönche in schwarzen Kutten streben gegen den Wind lehmige Treppchen bergan, sie hausen noch bzw. wieder heute dort, weswegen man leider nicht überall hin kann. Und echte Soldaten lehnen mit ihren Kalaschnikovs vor eigenen lehmigen Löchern, weil hier auch die Grenze nach Aserbaidschan verläuft.

Da sollte man sich besser nicht verlaufen. Nicht hier in der Wüste, auch nicht in den waldigen, urwaldigen Nationalparks. Auch die liegen mancherorts an der aserbaidschanischen Grenze. Soldaten mit Kalaschnikovs gibt es da auch. Irgendwo im Wald. Sie sitzen paarweise mitten im Grün auf Klapphockern vor einem Klapptisch mit Formularen und Stempeln und stellen Wanderern (meiner Schätzung nach etwa fünf pro Woche) eine Reisegenehmigung ins Niemandsland aus. Sie sind trotz Waffen nicht sehr einschüchternd. (...)

(Fortsetzung folgt)
8.10.2019
Georgien
–  Reise in ein aus
gewrungenes Land (5/9)

(...) Womit wir beim eigentlich Abenteuer der georgischen Reise wären. Das ist das Reisen selbst. Zumindest, wenn man auf Leihwagen verzichtet, um nach Landessitte umherzufahren. Zum Beispiel mit dem Schnellzug von Kutaissi nach Tiflis. Das sind 200 Kilometer und dauert fünf Stunden. Das Service-Personal verwechselt sich zwar mit Wachhabenden, aber ansonsten ist die Fahrt eine gemütliche Zeitreise in die fünfziger Jahre. Man zuckelt so vor sich hin. Man lehnt im Gang am offenen Fenster und teilt sich den Ausblick mit Fremden. Manch ein alter Mann klappt im Abteil eine Liege herunter, zieht die Schuhe aus, stemmt sich nach oben und schläft eine Weile.

Seltsam auch die Rolltreppenfahrt in die Untergrundbahn von Tiflis. Es geht zwei Minuten lang steil 40 Meter abwärts und zwar so schnell, dass die Gäste schräg stehen.

Seltsam auch unsere Taxi-Fahrt durch die Halbwüste zu einem Höhlenkloster. 80 Kilometer Schotterpiste lang ging es andauernd auf und ab geht. Geht es abwärts, stellt der Chauffeur den Motor aus. Geht es bergan, bedient er die Zündung. Ob das wirklich Kosten spart? (...)

(Fortsetzung folgt)

6.10.2019
Georgien
–  Reise in ein aus
gewrungenes Land (4/9)

(...) Vielleicht etwas zu viel bio, denn am nächsten Morgen, als wir zur Dreitageswanderung in die Berge steigen wollen, kneift Melanies Bauch, der Darm fährt Karussell und bald auch meiner. Meiner hört übrigens auch bis zum Ende der Reise nicht mehr auf, was vielleicht daran liegt, dass ich die georgischen Gepflogenheiten von Wein, Schnaps, Teigwaren zu sehr befolge. Aber vielleicht auch daran, dass die Milch von Nachbars Kuh nicht abgekocht wurde, bevor sie in meinen Kaffee floss.

Das ist nicht die Schuld der Kuh. Kühe sind die Majestäten auf Georgiens Straßen. Andere tun zwar so, sind aber eher Mafiosi. Das sind die Marschrutka-Fahrer, die Steuermänner privater Kleinbusse, die für kleine Münze viele Menschen weite Strecken fahren. Mit ihren Hupen fegen sie sich die Straßen frei, öffnen Spuren wie sie wollen, überholen tolldreist und gebären sich mindestens wie Oligarchen. Mürrisch kauen sie ihre Sonnenblumenkerne und checkern die Lage. Ihre Kunden (erst recht Touristen) sind Geiseln. Geiseln ihrer Musik, Geiseln ihrer zugigen Fenster, Geiseln ihrer Zwangspausen bei den Kumpeln, die Imbisse betreiben. Geiseln ihrer Teufelsritte im kaukasischen Bergland. Aber folgsam steigt auch der grimmigste, bärtigste, dickköpfigste Marschrutka-Macker in die Eisen, wenn eine Kuh gemächlich über die Straße trabt. Sie grasen gern am Wegesrand. (...)

(Fortsetzung folgt)
5.10.2019
Georgien

–  Reise in ein aus
gewrungenes Land (3/9)


(...) Und ein Zufallsbefund natürlich auch diese Szene: Wir sitzen auf dem Land in einer weinüberrankten Laube in Liegestühlen mit Rotweingläsern auf den Knien, blicken in Blitze und prasselnden Regen, der den wilden Garten überschüttet. Neben uns am Klavier sitzt die Georgierin Ketevani und drischt aus dem Klavier prächtige Akkorde gegen den Donner. Melanie bedankt sich mit Gesang. Mir kommt das alles vor wie aus einem älteren Film, dessen Titel mir nicht einfällt.

Zugegeben: Gastgeberin Ketevani ist eine Ausnahmeerscheinung. Eine Frau von mittleren fünfzig Jahren. Eine Frau, die morgens traurig eröffnet, der Nachbar sei über Nacht gestorben, die sich aber trotz Tränen nicht abhalten lässt, ein erstklassiges Frühstück herzurichten. Mit Tomaten (wichtig: keine Scheiben oder Tortenstücke, sondern unbedingt ungleichmäßig zerteilt) aus dem Garten, Gurken aus dem Garten, Marmelade aus Früchten aus dem Garten und Milch vom Bauern nebenan. Die sich auch nicht abhalten lässt, abends ein Abendessen herzurichten, obwohl sie zugleich nebenan die Trauernden bewirtet. Mit Wein aus Plastikflaschen vom Winzer nebenan. Mit Schnaps vom Brenner nebenan. Es gilt die Regel, dass nur getrunken wird, wenn ein Trinkspruch ausgegeben wird. Auf Freundschaft, auf Frauen, auf Religion, auf den Patriarchen, den guten Hirten der georgischen Orthodoxie, auf die heilige Nino, die Georgien vor unzähligen Jahrhunderten missionierte, auf deren schütteres Kreuz aus seitlich herabhängenden Weinreben, auf ... nein, nicht auf Russland, das im Norden seine Grenzen Meter für Meter nach Georgien hineinschiebt, aber durchaus auf viele nette Russen (eine Familie mietete sich für drei 3 Sommermonate bei Ketevani ein, im nächsten für fünf!), auf Deutsche ... Es gibt sehr viele Trinksprüche. Außerdem gilt die Regel, dass bei jedem Trinkspruch auch getrunken wird. So ein Abend kann trotz Trauer sehr trinkfreudig sein. Und echt Bio. (...)

(Fortsetzung folgt)
Fürchterlich:
Beinahe bin ich fertig mit Dostojewskis Tagebuch eines Schriftstellers, und er enttarnt sich immer schlimmer als chauvinistischer Nationalist. Nach dem verlorenen Krieg gegen die Türken (1877) schielt er unverhohlen nach Asien, und es liest sich fast so naiv blöd wie später die nationalsozialistische Idee vom Lebensraum im Osten. Inhaltlich sehe ich kaum einen Unterschied. Um so weniger, als er aus seiner Abneigung gegen Juden kein Hehl macht. Sie bilden nicht das Zentrum seines Hasses, rangieren aber ziemlich weit oben. Dass Dostojewski unablässig gegen Deutschland, Bismarck, den vermeintlichen deutschen Nationalcharakter wettert, verzeihe ich ihm, der in Baden ja jede Menge Geld verloren hat, am ehesten. Er trifft den deutschen Gecken oft ganz gut, finde ich.

Aber mit seinen Einlassungen verdirbt er mir meine enthusiasmierte Bewunderung für den Schriftsteller. (Ähnlich gelagertes Phänomen wie bei Woody Allen und anderen gefallenen Engeln. Man würde sie doch so gern vergöttern.)
5.10.2019

Auszug aus dem Tagebuch von heute.
4.10.2019
Georgien

–  Reise in ein aus
gewrungenes Land (2/9)


(...) Das langweilige Kutaissi hat einen Vergnügungspark mit einem Riesenrad, das sich so langsam dreht, als werde es ausschließlich von Wind angetrieben. Man könnte meinen, der Park sei geschlossen, aber in den Buden hocken im Halbdunkel Kartenverkäufer. So müssen sie wenigstens nicht im Regen stehen. Auch der Regen rinnt recht müde. Hört auf. Fängt an. Hört wieder auf. Doch in der lauen Schwüle finden sich immer wieder Spuren von Lebenslust. Dann schlendert in den nächtlichen Kirchhof der Kathedrale von Kutaissi zum Beispiel eine Kuh. Oder eine Küchenhilfe, die Türme von Tellern abzutrocknen hat (wer hat von ihnen gegessen?), dreht ihre rabiate Musik auf. Auch georgische. Und der Kellner tanzt, wenn er die Speisekarte bringt. Wenn er nichts zu tun hat, tanzt er auch. Niemand hat viel zu verlieren.

Im Wohnzimmer unserer ersten Privatpension steht ein Klavier. Das ist nichts Besonderes. In unserer nächsten Pension in Lagodekhi, ganz im georgischen Osten, steht wieder ein Klavier, diesmal in der Gartenlaube. Und auch in unserer dritten Unterkunft, wieder eher privat (eben AirBnB), in Tiflis, steht ein Klavier, diesmal im Hinterhof und toll verwittert. Auch in Georgien regnet es. Sogar nicht zu knapp. Aber ein Klavier muss sein. Es gehört zu einem georgischen Eigenheim wie zu einem japanischen der Teekocher. Ist natürlich ein Zufallsbefund. (...)

(Fortsetzung folgt)
3.10.2019
Georgien

–  Reise in ein aus
gewrungenes Land (1/9)

"Und nun, sieh zu, wie du zurechtkommst, Arschloch!" So lautet der unausgesprochene Willkommensgruß am Flughafen Schönefeld, wenn ausländische Gäste aus dem Flughafen in die Berliner Nacht undurchsichtiger Schienenersatzverkehre gespuckt werden. Anders in Georgien. Am Flughafen von Kutaissi mögen geldschneiderische Taxifahrer ihre Dienste feilbieten, doch Info-Personal weist genau die Stelle, wo günstige Busse auf Touristen warten, um sie bei ihren Zieladressen abzusetzen. Willkommen in Georgien, im armen, so armen Georgien.

Im Georgien, das so groß wie Bayern ist, aber schöner, denn dort wohnen keine. Im Georgien, das mal als  Schweiz der Sowjetunion galt, weil es doppelt gesegnet ist mit kaukasischen Bergen, den kleinen und den großen, und dem schönen Meer, dem schwarzen. So lange, wie der Kreml seine schützende Hand über Land und Leute hielt. Bis die Hand sich zur Faust ballte und auf Georgien, das wieder georgisch statt sowjetisch sein wollte, niederfiel. Heute sieht Georgien aus wie der Amboss Russlands. Auch ein russischer Hammer kann nicht überall hin hauen, aber dennoch wirkt das Georgien, das wir im September 2019 bereisen, so, als habe man ihm nachhaltig und tüchtig immer wieder auf den Kopf gehauen. Und als habe Georgien sich irgendwie damit eingerichtet. (...)


(Fortsetzung folgt)
Ein netter Zug von Ihnen, Herr Schneider!
24.9.2019

Berlin, Schöneberg
22.9.2019

Georgien
21.9.2019

Georgien
20.9.2019

Georgien
20.9.2019

Georgien
Warum hustet eigentlich heutzutage die Jugend so unverhohlen und ohne die Hand vor den Mund zu halten? Ist das eine Mode, vergleichbar der einstigen Faszination an der femme malade? Das war allerdings diskreter.
19.9.2019

Berlin
19.9.2019

Georgien
18.9.2019

Georgien
28.8.2019

Bretagne
14.8.2019

Bretagne
10.8.1819

Gettorf
9.8.2019

Wolken für Bahman
8.8.2019

Wolken für Bahman

Auf den heutigen Tag vor dreißig Jahren ...


am 7.7.1989 erschien in einer norddeutschen Tageszeitung die gekürzte Version dieses Interviews mit dem Anwalt, der die Familie de Giorgi im Prozess um das Gladbecker Geiseldrama vertrat. 

In einem Traum vor zehn Jahren ...


In dr Hüttn drobn wor i gsessn

Ein alter mann saß neben mir

Die arme schwer gekreuzt auf langem holz

Grau stuken aus dem koppe nägelige haare ost südost



Ihm gings nicht gut ihm gings sehr schlecht

Er trug so viele leiden sehr viele leiden trug er mir an

Er tat mir leid ich konnts nicht länger tragen ein Ende musste sein

So gab ich ihm tabletten sie waren grün er starb
6.8.2019

Auf den heutigen Tag vor dreißig Jahren ...

Ostseefisch im Test (Dorsch, Hering, Aal, Butt)
Stempel zum Musik Festival
(Mozart vor Notenbild)
Sozialer Mietwohnungsbau in Gefahr
(Bundesregierung droht mit Reduzierung ihres Förderanteils in Schleswig-Holstein)


(Markt zum Sonntag, Nr. 31)
5.8.1989

Auf den heutigen Tag vor dreißig Jahren ...

Willst du schneller ankommen, mache einen Umweg
(kol) Gettorf: Auch diejenigen, die in der Vergangenheit glaubten, auf kecke Weise den Weg von der Kirchhofsallee zur B 76 in Richtung Kiel abkürzen zu können, werden nunmehr eines Besseren belehrt. Denn nun gilt auch in der Gartenstraße Tempo 30. Damit ist sie zur verkehrsberuhigten Zone geworden. Wer sie befährt, muss neuerdings einige Betonschikanen umkurven. (...)

26.7.1989


17.7.2019


An der Rathmannsdorfer Schleuse des Alten Eiderkanals




Wenn drei Geschwister, die alle über fünfzig sind, entlang stiller und versandeter Kanäle wandern und bei alten Schleusen beieinander sitzen, ist nichts, was da ist, ohne Bedeutung. Wie immer.
Doch dieser Eindruck trügt: Die Aufnahme entstand in Wirklichkeit am Ufer des Nord-Ostsee-Kanals nördlich von Warleberg auf einem Paar-Spaziergang.


5.7.2019


Im Wendland



Wüten kann das Wendland auch.
“Lieber wütend als traurig!”

Und dennoch ...
Rehe kreuzen dort die Wege.
Kirschen über Kirschen.
Über Gras geht man und unter Eichen.



3.7.2019


Im Wendland



Rehe kreuzen dort die Wege.
Kirschen über Kirschen.
Über Gras geht man und unter Eichen.
Und dennoch ...

Wüten kann das Wendland auch.
“Lieber wütend als traurig!”






Auf den heutigen Tag vor dreißig Jahren ...

Hallo Kinder
(kol) Gettorf: Sommerferien. Da lacht das Kinderherz. Wenn Ihr bisher noch nicht wißt, was Ihr machen wollt, überzeugt doch mal Eure Eltern davon, Euch zu einer Ferienspaß-Woche der Arbeiterwohlfahrt (AWO) anzumelden. Für spottbillige 30 Mark könnt Ihr dann vom 31. Juli bis zum 5. August auf der Schwentine zu Tal fahren, Indianerbrot backen und vieles mehr ... 

(Markt zum Sonntag, Nr. 26, Seite 15)


1.7.1989
30.6.2019

Ach, übrigens:


Die Doppelschnepfe knebbert in der Balz und wiehert am Ende.


(In: Peter Krauss: Singt der Vogel, ruft er oder schlägt er? Handwörterbuch der Vogellaute. Naturkunden Nr. 33. Herausgegeben von Judith Schalansky bei Matthes & Seitz Berlin, 3. Aufl. 2018.)

24.6.2019

Die wuchernden Ländereien rund um das Mansoir de Suguensou sind wild und voller Zauber.

20.6.2019


Die Baie des Trépassés ist die Bucht der Entschlafenen. Die Bretonen sind sich allerdings nicht einig, welche Entschlafenen damit gemeint sind. Keltische Entschlafene, die zur nahen Île de Sein verschifft wurden? Entschlafene, die hier auf das Totenschiff warteten, um in Richtung Jenseits zu segeln? Entschlafene, die von havarierten Schiffen an den Strand gespült wurden? Ein beliebter Badestrand übrigens.

19.6.2019

Heute vor 150 Jahren schaute Marcel Proust durch diese Tür in den Hinterhof des Hauses seiner Tante Léonie, um nachzusehen, wer mit der Glocke seinen Besuch angekündigt habe.


29.5.2019





als er die Luke der Arche öffnete
lag ihm eine nasse welt zu füßen
gott rundum in den fernen tälern
dunkelhäutig schlamm landschaft
gott in ersten strahlen des tages
vierzig tage und vierzig nächte
hatte die sintflut gedauert aber
was übrig blieb ein moosgrüner apfel
auf einem berg dessen name vergessen

(H. C. Artmann. Aus: Vier Scharniere mit Zunge)


27.5.1989

Auf den heutigen Tag vor dreißig Jahren ...

… geben um eine halbe Stunde nach zehn Uhr Spielmannszüge des schleswig-holsteinischen Landes auf der „Frahmkoppel“ genannten Anlage des Gettorfer Kleingartenvereins ein Platzkonzert zu Ehren des hundertjährigen Bestehens des Gettorfer Turnvereins. Sternmarsch! Er mündet auf dem Schulhof der im Park befindlichen Grundschule und eskaliert in einem Großkonzert.




23.5.2019


Peregrinos ist eine Reflexion auf die Pilgerschaft, gefilmt auf dem Camino del Norte und Camino Primitivo de Santiago im Oktober 2013.

2014 . 7:21min



11.5.2019

Gestern liefen Nordkorea-Reportagen auf zdf-info. Eine davon hieß Gold für Kim und recherchierte also – für uns – in einem Land, von dem jeder weiß, dass es sich um eine streng kontrollierte Diktatur handelt, in der Menschenrechte und Menschenwürde nichts gelten.
Diese Reportage tat, wie so viele Reportagen ihrer Sorte, mal wieder so, als sei sie im Auftrag der Menschenrechtskommission undercover und mit im Dienste unerschrockener Aufklärung unterwegs, um hinter die Kulissen zu blicken. Mit unartig versteckter Kamera. Dabei kommt seltsamerweise immer das gleiche heraus: gemäß Protokoll eingefangene und kontrollierte Bilder aus der Diktatur, unterlegt mit diktatur-kritischen Kommentaren.
Die Grundtendenz: Liebe doofe Nordkoreaner, denkt bloß nicht, dass ihr uns für blöd verkaufen könnt, denn wir wissen ja bereits alles das, was ihr uns nicht zeigt und nicht sagt.
Der Duktus: süffisant und überheblich-imperialistisch. Der Synchronsprecher (Götz Bielefeldt) versetzt dafür auch unauffälligste Originalstimmen mit Ironie, als müsse er sich distanzieren oder amüsieren.
So lässt sich natürlich der Organismus einer fremden Ideologie und Kultur nicht erfassen. Was hielte man vom Pendant? Von einer entsprechenden nordkoreanischen Reportage über Leben, Politik, Skandale in Europa? Man würde sie sofort als propagandistische Kriegsführung eines Schurkenstaats von sich weisen.
Schlimm: Gold für Kim (Reporter: Michael Höft, Produktion: Gunter Hanfgarn) dient lediglich eigener Selbstbestätigung. Und es ist schon rücksichtslos zynisch, die unter dieser Diktatur lebenden Personen immer wieder vor die Kamera zu zitieren, damit sie zur Belustigung des westlichen Sofa-Safari-Teilnehmers ihre ins Unterbewusstsein getackerten Lobpreisungen ihres Führers aufsagen müssen. Auch der Reporter weiß, dass sie, falls sie abweichend sprächen, mit härtesten Repressalien zu rechnen hätten. Diese Reportagen sind das Gegenteil von dem, was sie zu sein vorgeben. Sie sind antihumanistisch.

9.5.2019

Lange kein so offenes Lob für ein Langzeitprojekt mehr bekommen: Die professionelle Zahnpflegerin lobte meinen Zahnputz. Leider war sie stark erkältet, während sie mir eine halbe Stunde lang direkt über meinem aufgerissenen Mund hing, Zahnstein sprengte und in meinem Zahnfleisch stocherte. Zum Abhusten drehte sie sich aber weg.



6. Mai 2019

Zwei Freunde an der Lidl-Kasse
"Gestern Margarita getrunken. Voll geil, digga. Kennst du das?"









"Oah, digga, wie dumm ist das denn? Ich trink doch keine Pizza."


13. April 2019

Ich habe gerade Hugo und Josefine gelesen, ein altes Kinderbuch, von dem ich zwar seit Kindertagen nur den Titel (allerdings den falschen, nämlich Joseph und Josefine) und das Titelbild (allerdings das falsche: in der Erinnerung war das Buch größer und hatte einen schwarzen Hintergrund) im Kopf behalten hatte, beides aber sehr gut (allerdings eben falsch). Wie ich nun sehe, behielt ich vom Inhalt fast nichts. Als meine ältere Schwester damals darin las, ging ich noch nicht zur Schule und war nicht besonders aufmerksam beim Zuhören (allerdings auch nicht beim Zuschauen). Nur einiges sehr Ungefähre blieb. Der Zipfel eines schwarzen Umhangs.



2. April 2019

Im  Garten

31. März 2019

Im  Grunewald 

29. März 2019


Mirko Bonné


Et jeht mir jut

(Variation auf ein Gedicht von Gerald Koll)


Und eben an der Kasse.
Da stelle ich mich hin, und
mir wird beinah leicht ums Herz.

Weil ich so allein dastehe
bis zu den Nasennebenhöhlen.
Allein an einer Art Nebel,

die der dicke Kunde vor mir
nicht zu verdicken weiß.
Er hat ja nicht mal gefurzt,

stand nur da und zahlte seinen Kram,
dreiunddreißig Schälchen Katzenfutter,
vier Pakete Zigaretten,

aber er stand da,
in seinen verstunkenen Hosen
und seinem verstunkenen Hemd,

und wollte nicht glauben, dass die Brötchen
nicht mehr 14 Cent kosten, sondern 15,
während der Gestank sich ausgoss wie ein Geist

und stehen blieb, als er nach Hause ging.
Das war kurz mein Platz, Platz vor der Kasse.
He, mein Alter, wie jeht et dir heute?
 

von Mirko Bonné eingestellt in den Goldenen Fisch am
28. März 2019 23:56
28. März 2019



Schälchen

Und eben an der Kasse.
Da stelle ich mich hin,
und mir wird beinah schlecht.

Weil ich in einer Pfütze stehe
bis zu den Nasennebenhöhlen.
In einer Pfütze Körpernebel,

die der dicke Kunde vor mir
stehen ließ.
Er hat ja nicht einmal gefurzt,

er stand nur da und zahlte seinen Kram,
dreiunddreißig Schälchen Katzenfutter,
vier Pakete Zigaretten,

aber er stand da,
in seinen verstunkenen Hosen
und seinem verstunkenen Hemd,

und wollte nicht glauben, dass die Brötchen
nicht mehr 14 Cent kosten, sondern 15,
während der Gestank sich ausgoss wie ein Geist

und stehen blieb, als die Hülle heimging.
Dort war mein Platz, der Platz des Nächsten.
Nächstenliebe, was ist das?



26. März 2019

Das Buch Hugo und Josefine der Schriftstellerin Maria Gripe ist eingetroffen. Eine sehr ungefähre und verschwommene Erinnerung an frühe Kindertage vor der Zeit des Lesens ist damit verbunden. Und eigentlich heftet sich die Erinnerung vor allem, wie mir beim Anblick des Titelbildes gleich einfiel, vor allem an den Umhang jenes Knaben Hugo, einen schwarzen Überwurf, der mir damals so ausnehmend gut gefiel und in mir die Sehnsucht schürte, endlich auch zu jenen zu gehören, die zur Schule gehen, in einem solchen Umhang. Daraus wurde übrigens nichts.

25. März 2019

Erinnerung an den Himmel über dem Briesetal in Birkenwerder (streckenweise keineswegs belanglos).


24. März 2019

Grüße aus dem Briesetal in Birkenwerder
(meist belanglos).

23. März 2019

Äußerst beschämende Träume heute Nacht. Äußerst beschämend.

12. März 2019

Irgendwie bedrückend, dass es zuende ist. Gestern beendete ich die zweite Blu-Ray-Edition von "The Avengers" (eigentlich fand ich den deutschen Verleihtitel "Mit Schirm, Charme und Melone" immer ... charmant, aber das Original überzeugt denn doch, vor allem wegen der Originalstimmen, die eminent diskreter und intelligenter wirken als die vorlauten deutschen Synchronstimmen, die außerdem so hallig waren). Gestern also verabschiedete ich mich, wie man so sagt, "schweren Herzens" von der allabendlichen Dosis. Zwei Boxen lang ging ich täglich glücklich zu Bett, geleitet von der schwarzweißen Politur der ersten Edition, die in den schönsten Episoden ein feiner Duft aus hundertjährigem Moos und frischer Ledercreme umwehte, bis zum tollkühnen Kolorit der zweiten, die allen britischen Spleens ein Denkmal setzte. Was jetzt?

Fortan würde ich einfach wieder irgendwie in den Schlaf stolpern, ungeküsst von jener stilsicheren Verspieltheit, die sich vom Bösen nie den Humor verderben ließ und jeden schändlichen Anschlag mit dem Klang von Sektgläsern beantwortete.

Gewiss, es war unfein vom Hersteller "Studio Canal", der teuren deutschen Edition keine deutschen Untertitel zuzubilligen und die eingesparten Kosten auf überflüssige "Einführungen" von Oliver Kalkofe & Co. zu verschwenden.

Und es war schon beinah frech, ausgerechnet die Farewell-Episode für Emma Peel ("The Forget-Me-Knot") nicht in die Edition 2 aufzunehmen (mit der nur für Buchhalter-Gemüter verständlichen Begründung, diese Episode gehöre bereits zur nächsten Staffel, also Edition 3 mit John Steed & Tara King, Peels nicht-ebenbürtiger Nachfolgerin; sie, die Edition, ist derzeit für 25,- EUR zu haben). Denn nie war es zwischen Steed und Peel so zartfühlend und gänzlich jeder Ironie entkleidet zugegangen wie am Ende von "The Forget-Me-Knot", genauer: in jenem Moment, als die scheidende Mrs. Emma Peel mit versagender Stimme Steed zuflüsterte: "Always keep your bowler on in times of stress" – und sich dieses ewig flirtende, nie der trivialen Versuchung erlegene Liebespaar einen letzten hauchflüchtigen Kuss auf die Mundwinkel tupfte.

"Studio Canal" beweist an dieser Stelle Mitgefühl, für das man danken muss. Das wohl romantischste Lebewohl der (mindestens Fernsehserien-)Geschichte befindet sich in der Edition 2 in einem der Extras.

9. März 2019

In der Bäckerei in der Berliner Untergrundbahnstation Bülowstraße bedient ein orientalischer junger Mann. Vor ihm steht ein Kunde, ein dünner Mann schwarzer Hautfarbe, der den Backwarenmann flehend anschaut. Der Orientale zögert erst, reicht aber dann einen rosig lasierten Donut über den Tresen. Er erntet ein stummes frommes Lächeln, sogar eine demutsvolle Gebetsgeste, und wendet sich dem nächsten Kunden zu. Das bin ich. So gelöst und hoffnungsvoll war ich den ganzen Tag noch nicht wie in diesem Moment, an dem an diesem zugigen Ort so viel Nächstenliebe waltet. Der orientalische Mann freut sich auch und lacht: "Die drehen da ein Video, bezahlt hat der schon vorher."

8. März 2019

Der Verkündigungsengel aus dem Polyptychon Averoldi (1522, Santi Nazaro e Celso, Brescia) von Tiziano Vecellio belegt einmal mehr den eminenten und frühen Einfluss der westlichen Kultur auf das japanische Aikido (siehe dazu die gleichnamige Reihe aus dem Jahr 2013 in Der goldene Fisch). Die Ausführung des tenchi-nage (= Himmel-Erde-Wurf) ist hinsichtlich der Körperhaltung, der Gewichtsverlagerung, des Blicks und der so schweigsamen wie deutlichen Botschaft an den Angreifer vorbildlich.

28. Februar 2019

Wie wohltuend die tägliche Dosis "Mit Schirm, Charme und Melone" doch ist. Mein tägliches Sandmännchen, mein Schlummertrunk, der zuverlässig zu verstehen gibt, dass ein jeder Tag mit allen seinen verschmitzten Morden mit Sekt zu begießen sei.
Ist es übrigens Schuld der Blu-Ray, dass man immerfort darauf stößt, dass Patrick Macnee  bei allem, was auch nur entfernt nach Bewegung und Aushäusigkeit aussieht, sich hat doubeln lassen? 

27. Februar 2019

Und sagt mir L. offen und geradeheraus, wie groß und fast ungeduldig er sich auf das Sterben freue, also auf das Mitnehmen und Übertragen der Erkenntnisse aus diesem – kleinen und bedingten – Leben ins übergeordnete weiter gedachte.
Und schon verhedderte ich mich in Realitätsbegriffen und dem Gedanken, wie öffentlich Gelder einzuholen wären zur Gründung einer Sinnstiftung.

26. Februar 2019

Elstree, Teddington Studios, die Arbeitsstätte von Patrick Macnee, im Jahr 1967. Die Urheberrechte dieses Bildes gehören ABC.

30. Januar 2019

Lanzarote, die Geisterinsel des César Manrique, im Januar 2019.

6. Januar 2019

Das ist ein Landschinken.




23. Dezember 2018

Mit der nebenstehenden Abbildung werbe ich für ein Buch. Für das Buch, dem ich die Abbildung entnommen habe. Das Buch heißt Berichte aus Japan - Ein Zeichner auf Wanderschaft, verlegt bei Reprodukt.

Sein Autor und Zeichner ist Igort, der viele Jahre in Japan gearbeitet hat. Sein Buch ist eine Kostbarkeit, eine von Zauber und Dämonen bevölkerte Mappe, ein Schrein. Er birgt zahlreiche Stile, viele Gedanken und Eindrücke, die dieser gierige Sammler notierte, bis sie sich absetzten und etwas Neues bildeten, eigene Ansichten, einen eigenen Stil. Igort ist profunder Japan-Kenner, der den faszinierenden Widersprüchen Japans tief auf den Grund geht und in den einsamen Bergen ebenso gern umherstreift wie auf dem blinkenden Nakano Broadway. (Igort ist nebenbei Sarde, Landsmann von Gavino Ledda, auch so ein unbedingter Schürfer.)

Igort wurde ein enger Freund des Mangaka Jiro Taniguchi, dem Mangaka, an den sich der Kurzfilm Der lesende Mann gerichtet hat, nachdem ich selbst vergeblich (und auch recht halbherzig) versucht hatte, Taniguchi auf meiner Japan-Reise 2016 zu begegnen (eigentlich hoffte ich auf ein Wunder, indem ich die Gegenden besuchte, in denen er wohnte und spazierte; und insgeheim war ich einverstanden damit, dass das Wunder nicht eintreffen würde). Igort hat Taniguchi, der 2017 starb, dieses Buch, diese Fortsetzung seiner ersten Berichte aus Japan, gewidmet. Wie kein Mangaka vor ihm baute Taniguchi dem japanischen Manga eine Brücke zum Westen. Nun baut Igort dem Westen eine Brücke nach Japan. Das Buch ist eine respektvolle Verbeugung eines großen Zeichners in aufrechter Haltung.



20. Dezember 2018

Sardinien.
Gavino Ledda erkundet unter den Rinden und Fellen eine Sprache, auch um den Preis, dass sie niemand spricht als er.
Igor Tuveri erkundete Japan, profunder und tiefer als viele vor ihm.
Ledda und Igort sind Sarden. Sie machen keine faulen Kompromisse. 

Tempio de Antas, Sardinien

Palü stirbt. Wir suchen Hilfe. Betrachten Sie dieses Schreiben bitte als Aufruf und melden Sie sich. Wir suchen ein „Wesen". Palü braucht es, um zu überleben. Nicht nur er.

Das Wesen, das wir suchen, sieht so aus: ein weiblicher Menschenkörper, nicht zierlich, nicht dick, mit dem Kopf einer Äffin. Wenngleich nicht ganz einer Äffin. Das menschenaffenähnliche Antlitz zeigt kein Mienenspiel, es verzieht sich nicht, es kennt nur einen Ausdruck, ein Staunen mit hochgezogener Wulst über den Augen, die niemand sehen kann, so tief liegen sie in den Höhlen. Immer sind die Lippen vorgeschoben, leicht geöffnet, doch sie bewegen sich nie. Wir haben gerätselt, ob das Wesen ein Mensch sei oder ein Tier, ob es ein Ur- oder Fabelwesen sei, ja, ob es überhaupt existieren könne, aber Ove, der verwitwete Fischer, unser erster Augenzeuge, fotografierte es ja bereits am 14. Mai. Da kroch es aus der Gischt an die Küste unserer Insel. Es war nackt.

Fischer Ove sei natürlich erschrocken, erzählte er uns. Natürlich griff er erschrocken nach seinem Mobiltelefon und nahm alles auf Film auf. Darauf war das Wesen zu erkennen. Ove kroch aus seinem Versteck und gab sich zu erkennen. Doch das Wesen nahm ihn nicht wahr. Es kauerte in einer Pfütze und hielt den Kopf gesenkt. Die Gischt spritzte darüber hin wie wehende Vorhänge, immer wieder, und als sich der Schleier wieder mal hob, war das Wesen verschwunden, vermutlich in einer Felsspalte.

Zwei Tage später sah Ove es wieder. Auch davon gibt es Filmaufnahmen. Das Wesen hockte im Seegras. Es hatte Steine aufge- schichtet, einen Windschutz. Es starrte aufs Gras, es starrte aufs Meer. Warum es starrte, wissen wir nicht. Es sprach ja nie. Auf den Aufnahmen hört man ein Knurren. Doch der Wind war zu stark, um das Knurren mit Bestimmtheit dem Wesen zuordnen zu können. Ove sagte, er habe sich nicht in unmittelbare Nähe getraut. Man wisse ja nie.

Wir waren nicht zufrieden mit dieser Situation. Unsere Insel ist nicht sehr groß. Nicht viele Menschen finden hier Platz. Einunddreißig Familien sind es, und diese Familien ernähren sich von Fischerei. Mit Ausnahme von Palü, dem Müßiggänger, dem Eigenbrötler. Die Fischer leiten die Geschicke unserer Insel. Wir scherzen, wenn wir sagen, unsere Fischer kümmern sich darum, dass die Insel nicht umkippt. Es ist ein Scherz aus alter Zeit, ein Scherz mit Geschichte, denn wir scherzen gern. Die Fischer trafen sich, scherzten und fassten einen Beschluss. ...


(vollständiger Text in: Konzepte – Zeitschrift für Literatur, Nr. 37, Neu-Ulm 2018)

11. Dezember 2018

Das Wesen
27. November 2018

"Du bist tot!" sagte ich. Das war falsch. Man kann nicht sagen, jemand sei tot. Denn der Tod befindet sich nicht innerhalb des Grenzbezirks des Seins. Tod ist keine Form des Seins. Er ist kein Seins-Zustand. Tod ist das Nicht-Sein. Dort endet Identität, so weit wir wissen. Nur ein Gimpel, der die Identität über die Grenze des Seins hinaus verlängert ins Nicht-Sein, könnte an der Behauptung "Du bist tot" festhalten. Aber gerade ich, der "Du bist tot" sagte, hatte wenig Interesse am kontinuierlichen Bestand des Identitätszustandes, allein in Hinblick auf Wiedergängertum, Rache und sonstige Heimsuchungen. Richtiger wäre es gewesen, zu sagen: “Das ist tot.” Hier geht’s nicht um Moral.

20. November 2018

Reinhold Messner! 48,90 EUR habe ich bezahlt, um dich live zu erleben. Mit "Wild - der letzte Trip auf Erden". Ein Vortrag über dein eigenes wildes Abenteuer-Dasein? Nein! Ein verbastelter Multimedia-Vortrag über Shackletons Antarktis-Expedition, die Mirko Bonné bereits viel intensiver, viel poetischer erzählt hat. Nun stehst du da, Messner, alter Haudegen mit kapitalen Haupt, dessen Tollenhaar  immer noch elektrisiert ist von deinen Gipfelstürmen. Ich saß gleich in der ersten Reihe. Über mir du, Messner. Das heißt: nicht ganz. Du befandst dich genau am anderen Ende des endlosen Ufers der Bühne, weit hinten standst du da, vor deinem Monitor. Dort rolltest du deinen Vortrag ab in deinem rollenden Tirolerdeutsch, in dem du nicht "Packeis" oder "tot" sagst, sondern "Backeis" und "dod" ... Ich schaute jetzt immerzu nach oben, lag da und schaute geradewegs in den Nachthimmel, ins unendliche Nichts ... weißt du noch, damals, am nackten Berg, und ahnst es jetzt, wie arg ich mich wehren musste gegen das Einschlafen? Dann mit dem Rad durch den kalten wilden Regen heim.

18. November 2018




15. November 2018
1. November 2018


Seit Jahren überfällig, jetzt endlich Vladimir Nabokovs Lolita ausgelesen. Freund M. runzelte die Stirn darüber, fand ihn überschätzt, was man ja aber auch über den Mond, die Mythen und manches andere sagen könnte. Ich behaupte das Gegenteil. Lolita ist köstlich. Nie erliegt Nabokov dem Banalen des Nymphchen-Themas. Immer logiert er auf der Höhe des Diskurses. Nie ist er im Zweifel an der Schändlichkeit des Missbrauchs. Nie verirrt er sich in die Hybris eines, meinetwegen, de Sade, der sich berauscht an der extraterrestrischen Position jenseits soziale Systeme. Immer bereit zur Schönheit.

Die Nachworte zu eilig gefressen in einer schimmelig eingedufteten Kaschemme, dessen Wirt mit seinem Stammgast darüber stritt, ob zur Zeit Deutschland oder Italien die fieseren Nazis hervorbrächten.


31. Oktober 2018


Also 3,6 Sekunden nur beträgt die Zeit des Menschen auf der Erde, sofern man die Geschichte der Erde als 24-Stunden-Uhr betrachtet. Vor 3,6 Sekunden tauchte der homo sapiens erst auf. Ich habe das schon öfter mal gehört. Ich weiß es aber jedes Mal aufs Neue nicht, weil ich das nicht begreifen kann. War die Natur vor 3,6 Sekunden noch mit sich im Reinen, mal abgesehen von den unzähligen globalen Katastrophen? Wird das gescheiterte Experiment des homo sapiens in späterer Rückbetrachtung überhaupt zur Kenntnis genommen werden können angesichts seiner unbedeutenden Stippvisite?

26. Oktober 2018

online !!!





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